Idar-Oberstein – Kicker, Kämpfer und Legenden: Gedenkveranstaltung widmet sich dem Thema Fußball

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Bürgermeister Friedrich Marx, Oberbürgermeister Frank Frühauf und Schalom-Vorsitzender Axel Redmer verfolgten mit zahlreichen Gästen die informativen Vorträge von Sporthistoriker Prof. Dr. Lorenz Peiffer und Diakon Klaus Schultz (v.l.n.r.). – Foto: Stadtverwaltung Idar-Oberstein

Idar-Oberstein – Auch in diesem Jahr hatten die Stadt Idar-Oberstein und der Schalom-Verein wieder eine Gedenkveranstaltung zum 27. Januar ausgerichtet.

In deren Mittelpunkt stand diesmal die Eröffnung der Ausstellung „Kicker, Kämpfer, Legenden – Juden im deutschen Fußball“, die in Kooperation mit der evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau und der Initiative „!Nie wieder“ – Erinnerungstag im deutschen Fußball gezeigt wird.

In seiner Begrüßung erklärte Oberbürgermeister Frank Frühauf, dass es bei dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus seiner Meinung nach nicht darum gehe, die heutige Generation mit der Schuld ihrer Vorväter zu konfrontieren. „Es geht vielmehr darum, die Erinnerung daran wach zu halten, wie schnell und radikal es gelingen kann, gefährliches Gedankengut in die Köpfe der Menschen zu pflanzen und welches große Unrecht, welche Gräuel daraus erwachsen können“, zog Frühauf Parallelen zu aktuellen Ereignissen. Er verbinde mit diesem Gedenktag das Bekenntnis, stets gegen Unmenschlichkeit und Ausgrenzung, gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen Hass und Hetze aufzutreten, erklärte Frühauf. Daher freute er sich auch über die zahlreichen Besucher der Gedenkveranstaltung, die vom Saxophon-Ensemble der Kreismusikschule musikalisch umrahmt wurde.

Landrat a. D. Axel Redmer, Vorsitzender des Schalom-Vereins, wies in seinem Grußwort darauf hin, dass die Stadt und der Verein schon seit über einem Jahrzehnt diese Gedenkveranstaltung ausrichteten und dabei immer wieder unterschiedliche Aspekte der Verfolgung und Unterdrückung durch die Nationalsozialisten beleuchteten. In diesem Jahr sei es der Fußball, wobei sich zu diesem Thema in den hiesigen Archiven kaum Material finden lasse. Einige wenige Informationen konnte Redmer recherchieren, „so gab es zwar einen jüdischen Fußballverein in Idar-Oberstein, aber es gibt keine Fotos, keine verlässlichen Namen von Spieler, nur einige Verbandsfunktionäre sind bekannt.“ Daher möchte Redmer die Recherche weiter fortsetzen und rief dazu auf, dem Schalom-Verein eventuell vorhandenes Material zur Verfügung zu stellen.

Anschließend führte Klaus Schultz, Diakon in der evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, in die Ausstellung ein. Anhand des Lebenslaufs von Kurt Landauer – der von 1913 bis 1914, von 1919 bis 1933 und erneut von 1947 bis 1951 Präsident des FC Bayern München war – zeichnete er exemplarisch die Schicksale von jüdischen Spielern, Trainern und Funktionären nach. Diese trugen vor 1933 maßgeblich zum Erfolg des Fußballs in Deutschland bei, wurden nach der Machtergreifung der Nazis aber aus den Vereinen und Verbänden entfernt. Sie teilten das Schicksal aller europäischen Juden, wurden verfolgt und teilweise in Konzentrationslagern ermordet.

Nach dem 2. Weltkrieg spielten deutsche Juden nie wieder eine vergleichbare Rolle im deutschen Fußball, ihre Verdienste wurden verdrängt und gerieten in Vergessenheit. Ein Teil der Ausstellung schlägt auch den Bogen in die Gegenwart und beschäftigt sich mit Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, die heute in den Fußballstadien um sich greifen. „Sport, vor allem der Fußball, ist auch politisch und muss sich diesen Herausforderungen stellen“, unterstrich Schultz.

Der renommierte Sporthistoriker Prof. Dr. Lorenz Peiffer von der Leibniz Universität Hannover ging in seinem Vortrag dezidiert auf die damaligen Entwicklungen im Sport und besonders im Fußball ein. „Die Mehrheit der jüdischen Sportler war bis 1933 in deutschen Vereinen organisiert“, so Peiffer. Danach setzte die Arisierung des deutschen Sports ein. Zwar gab es keine direkte Anweisung, jüdische Sportler aus den Vereinen und Verbänden zu verbannen. „Das hätte zu einem internationalen Boykott der Olympischen Spiele 1936 in Berlin geführt.“

Trotzdem entfernten die Organisationen die jüdischen Mitglieder aus ihren Reihen. Dies führte zur Gründung von eigenen jüdischen Vereinen und Verbänden. So wurde vor Ort am 4. November 1934 der Verein Bar Kochba Idar-Oberstein gegründet, dessen Vorsitzender Dr. Franz Spitzer aus Tiefenstein war. In dem Verein wurden Fußball, Handball und Tischtennis gespielt sowie Leichtathletik und Skifahren betrieben. Die Fußballer kamen aus Orten, die bis zu 60 Kilometer entfernt lagen, der Verein verfügte über eine 1. und 2. Mannschaft sowie eine Schülermannschaft. Die letzte Notiz über ein Fußballspiel des Vereins findet sich im Januar 1937, weitere Informationen, etwa über eine Vereinsauflösung, gibt es bisher nicht.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs verdrängten viele Vereine und Verbände ihr eigenes Handeln während der NS-Zeit. „Bis in die 1970er und 80er Jahre gibt es hier eine kollektive Amnesie“, konstatierte Prof. Peiffer. Der Deutsche Fußball Bund sei mittlerweile jedoch ein Vorreiter bei der Aufarbeitung seiner NS-Geschichte. Dies hänge jedoch auch mit politischem Druck im Vorfeld der Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zusammen. „Andere Verbände weigern sich nach wie vor, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen“, so der Sporthistoriker.

Die Ausstellung „Kicker, Kämpfer, Legenden“ ist noch bis Montag, 20. Februar 2017, in der Göttenbach-Aula zu sehen. Sie ist geöffnet von montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr, der Eintritt ist frei.

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Text: Stadtverwaltung Idar-Oberstein
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Georg-Maus-Straße 1
55743 Idar-Oberstein

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